Montag, 7. Februar 2011

Esquel und das Labyrinth der Lagune (Teil 1)


Esquel, vom Balkon unseres Hostel aus betrachtet.
Traue keiner Städtebeschreibung, die du nicht selbst erfunden hast. Laut dem - bisher sonst sehr zuverlässigen - Lonely-Planet-Reiseführer für Südamerika ist das Städtchen Esquel "schnucklig". Für Doreen und mich, beide nicht allzu gierig auf allzu große Großstädte, Grund genug, diese Beschreibung als Empfehlung zu verstehen. Eher ein Irrtum, wie wir bald feststellen sollten. Vielleicht sollte ich noch vorausschicken, dass Doreen und ich uns um Lauf der letzten Tage und Wochen auf ein paar Regeln des Zusammenlebens geeinigt haben. Eine davon ist, dass wir uns immer gleich nach Ankommen an einem neuen Ziel ein bisschen umgucken. Einfach mal schauen, ob der Ort und die Umgebung auf unserer gemeinsamen Wellenlinie liegen. Damit wir uns - im Glücksfall -  sofort wie zu Hause fühlen. Oder  damit wir - wenns blöd läuft - eine Etappe verkürzen und sofort  über eine Weiterreise nachdenken. 

Die Stadt ist wenig attraktiv, aber die meisten Menschen sind nett… 
…und einige Ausläufer der Anden dringen bis in  die Stadt ein. 
Esquel hat uns beiden das Gernhaben schwer gemacht. Die Hosteria "Cordillera del Sur"? In schäbiger Umgebung, neben Polizei-Dienststelle und Fiat-Werkstatt wenig charmant gelegen; die Fassade außen schlimm gekachelt, innen alles düster und verräuchert, keine benutzenswerte Küche vorhanden. Das Frühstück? Lauwarmer Instantkaffee, eine Marmelade, Weißbrot, letzteres mangels Toaster höchstens über offenem Feuer genießbar zu machen. Ginge alles noch, wäre da nicht das Personal. Zwei Mädels und ein Bub im Schichtbetrieb, abwechselnd alle gleich desinteressiert, unmotiviert, Fernsehen glotzend oder via Facebook auf Ablenkung hoffend. 
Kein Wunder, dass sich nie ein Gast in den winzigen Gemeinschaftsraum verirrt. Wie sollten wir es hier nur sechs Tage aushalten? Die Stadt selbst scheint wie viele in Argentinien: bisschen Zentrum mit Lokalen, Shops und Co, sonst kaum Besichtigenswertes. Die Attraktion von Esquel ist ganz klar die Landschaft drumherum. Die Stadt liegt in einem Tal in den Anden. Egal wohin du blickst, du siehst überall diese charakteristischen, weich geschwungenen, bis zum Gipfel mit Bäumen, Büschen und Steppengras bewachsenen Erhebungen. In etwas weiterer Ferne sind 3000er erkennbar, mit kahlem, grauem Fels und glitzernden, weißen Gletschern. Wunderschön.

Und in welcher Stadt wachsen schon 
Nektarinen an der Straße? In Esquel schon! 
Eigentlich wollten wir ja in Esquel eher eine ruhige Kugel schieben; bisschen lesen, dösen, sowas eben. Aber das Hostel ist öde, und es laden auch keine Parks oder sonstige Flächen zum verweilen ein. Sich einfach ins Gras legen, ist wegen der vielen streunenden Hunde weniger  zu empfehlen. Also versuchen wir´s mit Spaziergängen. Einer, der durch die Stadt, bringt uns mit einem leckeren irischen Lokal, und Doreen mit einer tollen neuen Trekkinghose zusammen. Steht ihr super!

Ein anderer "Spaziergang" wird zur Geduldsprobe. Er führt uns auf einen rund fünf Kilometer langen Weg raus ins Land. Unsere erste Wanderung frei Schnauze, ohne Guide oder ähnliches hier in Südamerika. Wir erreichen nach rund drei Stunden die "Laguna La Zeta". EIn wunderschöner kleiner See mitten zwischen den Bergen. Kein Menschenseele hier, nur einladend funkelndes Wasser, drumherum eine kleine verlassene Farm, Gräser, ein paar Bäume, zwei Pferde. Endlich mal Ruhe - ein ganz seltenes Geschenk im sonst recht lauten Südamerika! Ein kleiner Trampelpfad scheint um den See herum zu laufen, also nehmen wir die Einladung an - und gehen beinahe verloren. 

Eines der vielen wunderschönen 
Landschaftsmotive, die sich während 
der Wanderung vor uns auftun.
Die Laguna La Zeta. Den 
Drei-Stunden-Marsch von Esquel aus
 locker wert. 
Erstes Hindernis auf der Wanderung um die Laguna La Zeta herum: der Pfad verwächst sich, wird immer schmaler, bald ist kaum noch ein Weg zu erkennen. Dann, nach vielleicht zwei Kilometern mehr oder weniger querfeldein, stellt sich ein Bulle zwischen uns und ein weiteres Vorankommen. Ein ausgewachsenes Rindviech ist gemeint. Das Tier mag irgendwann Steak sein, aber jetzt jedenfalls steht´s quicklebendig und muskelbepackt da, und guckt uns herausfordernd an. Ich hatte mal in einer ähnlichen Situation eine unschöne Begegnung mit einer bayrischen Kuh (!), seitdem gehe ich bei so einer Begegnung lieber auf Abstand. Ich überrede Doreen zu einem kleinen Umweg, und wir schlagen uns in die Büsche. Das geht sogar gut, wir finden bald unsere Orientierung wieder. Leider ist aber plötzlich alles abgezäunt; riesige Tierweiden machen sich zwischen dem See und uns breit. Einfach durchqueren? Ich sehe ein paar Pferde und Rinder grasen; und bei dem Gedanken, dass irgendwo abgerichtete Hunde nach naiven Touristenopfern Ausschau halten, wird mir noch unwohler. Das Hundegebell in der Ferne lässt jedenfalls nichts Gutes vermuten. Aber wir sind nicht auf dem Speiseplan gelandet. Warum? Das wird morgen enträtselt, in Teil zwei von "Esquel und das Labyrinth der Lagune".

Gruß aus dem Labyrinth,
Richard 

Wahlkampf auf argentinisch heißt: leere Häuserwände mit Parolen beschmieren, und laute Dauer-Marschmusik vor den Wahlkampfbüros der Kandidaten. 
Einen "freien" Vormittag in Esquel nutze ich, um mir von Angy den Kopf zurecht stutzen zu lassen. Ist doch okay geworden, dafür dass sie kein englisch und ich kein spanisch kann.






Kommentare:

  1. Also das Ende war jetzt ja mal richtig spannend. Mensch, bin gespannt, wie's weitergeht!!! :-)

    Freu mich schon auf Teil 2 und ich möcht unbedingt ein Bild von Doreen's neuer Trekkinghose sehn. ;-) SHOPPING!!! :-)))

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  2. Hi Ritschie,

    Schicke Frisur. Costa quanta? Schöne Grüße aus DA auch im Namen der Kollegen!

    C/U

    Joachim

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  3. Herr Ruth, sind Sie das?! Waschen, schneiden, fönen und das - hier obligatorische - wachsen kommen auf 30 Pesos, also rund 6 Euro. Die Frage nach dem Preis wäre übrigens eher "Cuanto cuesta"... wir sind hier ja im spanischen Sprachraum, nicht in Italien ;-) Frag nicht, wie oft ich das in den ersten beiden Wochen verwechselt habe; gerne auch gemischt mit ein bis drei französischen Sprachfetzen. Hier spricht ja fast niemand englisch! Ganz lieben Gruß zurück, auch an die Kollegen!

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  4. Yes, it's a me...verdammt, ertappt.

    Das mit dem Spanischen stimmt natürlich, aber seit der Halbfinal-Niederlage bei der letzten WM weigere ich mich, in dieser Zunge zu parlieren. Bin mir auch nicht sicher, wieviel von dem 2jährigen Uni-Sprachkurs noch hängengeblieben ist. Egal, wie auch immer: Wir, die hessischen Jünger des großen Magenta-T geloben hiermit, auch fürderhin unserer vom Fernreisefieber befallenen Edelfeder via Blog nachzufolgen.

    In diesem Sinne: Hasta la vista, Baby...

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