Donnerstag, 1. Dezember 2011

Begegnung mit Moby Dick



Unsere Suche nach Moby Dick hat dann doch noch zum Erfolg geführt. Doreen und ich, wir haben in den letzten Monaten oft nach Walen Ausschau gehalten. Aber weder vor der Atlantikküste vor Argentinien haben sich welche blicken lassen; noch sind wir in den angeblich walhaltigen Gewässern östlich der Südinsel von Neuseeland fündig geworden. 
Unser Nissan treibt uns von
Christchurch nach Kaikoura,
immer die Ostküste hoch. 
Die treibende Kraft hinter der Jagd auf das große Tier bin wohl eher ich. Habe schon als kleiner Junge Bücher über Dinosaurier verschlungen. Seither faszinieren mich geheimnisvolle Kreaturen im XXL-Format. Andere lieben Hunde, Katzen, Delfine oder meinetwegen auch Echsen und Spinnen. Ich mag´s halt eher mächtig, exotisch und selten. Ist ja kein Geheimnis, dass vielen Wal-Gattungen aufgrund allzu gieriger Fischerei ein Aussterben droht.

Unsere Bleibe in
Kaikoura. Kein einziger
Stern, aber sauber und
halbwegs gemütlich.
Während Doreen und ich mit unserem treuen Nissan Sunny durch die Südinsel von Neuseeland touren, flattern immer wieder Handzettel über unseren Aufmerksamkeits-Horizont. Ein kleines Küstenstädtchen namens Kaikoura macht darauf für sich Werbung. Zur Abwechslung mal nicht mit Trekking-Touren, Maori-Schnitzereien oder Extrem-Sportlereien. Sondern mit der Möglichkeit, sich von einem Boot in die See raustragen zu lassen und einen Wal zu finden. Im Fall einer Nicht-Sichtung gäbe es 80 Prozent des Tourpreises zurück - dann hätten wir für wenig Bares immerhin einen schönen Bootsausflug erlebt. Sowas nenne ich mal ein gemachtes Bett. Da müssen wir hin. 
Was für ein Anblick.
Und die Berge sind auch
ganz hübsch. 


Vor Ort fasziniert mich der Blick auf die Landschaft, wie schon so oft in Neuseeland. Schneebedeckte Gipfel zur Linken, rechts daneben die Küste und der weite Ozean - wo gibt es sowas sonst auf der Welt? Wir ziehen in eine gemütliche Hütte auf einem Zeltplatz nahe dem Ortskern von Kaikoura. Zeltplätze in Neuseeland, die darf man sich etwas anders vorstellen als ihre Pendants in Deutschland. In aller Regel einladender. Statt schlammiger Wiesen und schmuddliger Gemeinschafts-Toiletten: schöne Lage, ordentliche Küchen, saubere Duschen. Eltern können ihre Kinder auf dem Spielplatz parken. Das lassen Doreen und ich mangels Nachwuchs bleiben, parken stattdessen lieber ein paar Steaks auf dem Barbecue-Grill. Standard auf Neuseelands Zelplätzen sind außerdem mehr oder weniger luxuriöse Hütten für Nichtcamper wie uns. Manchmal sind diese sogenannten "Cabins" kaum größer als 5 Quadratmeter, und es steht nicht mehr drin als ein Bett. Wir hatten aber auch schon Hütten mit Tisch, Stühlen, Ablageflächen, etwas Geschirr, viel Platz und einlullendem Wohlfühl-Gefühl. Und das für relativ schmales Geld. Vor allem wenn du mit der Mitgliedskarte für eine bestimmte Kette antanzt. "Top Ten Holiday Parks" in unserem Fall. 

Unser Katamaran Paikae. Ein wirklich schnelles und
wendiges Schiff, ideal für die Suche nach schwimmenden
Jungfern, grauen Walen und anderen seltenen Kreaturen. 
Aber zurück zum Wal. Die Tiere - jedenfalls so wie wir sie erleben wollen - bewegen sich in ihrem Revier, in freier Natur. Im Fall des Wales also im weiten Ozean, präziser formuliert im Südpazifik, vor der Ostküste von Neuseelands Südinsel. So eine Jagd nach einem Wal ist mit vielen Unbekannten verbunden: hat das Boot Plätze frei, solange wir in Kaikoura bleiben können? Ist die See ruhig genug? Wie entwickeln sich Wind und Wetter? Zuguterletzt, sofern wir überhaupt auslaufen - bewegt sich gerade ein Tier durch die nähere Umgebung? Und wenn ja, können wir es finden in den riesigen Gewässern und Tiefen vor Kaikoura? 

Als wir um halb zehn Uhr vormittags das direkt an der Küste gelegene Gebäude des Veranstalters / der Reederei "Whale Watch" betreten, empfangen wir eine gute und eine schlechte Nachricht. Das Wetter entwickelt sich prima, die See sollte in ein zwei bis drei Stunden ruhiger werden. Wir können auslaufen. Am Vortag wurden wegen rauer See noch alle Fahrten gestrichen. Durchatmen. Dann der Tiefschlag: Ein Boot ist bereits draußen und findet keinen Wal. Wahrscheinlich kreuzt einfach keiner die Gewässer. Das kommt schonmal vor, kriegen wir erklärt. Daher macht ein Mitarbeiter der Schifffahrts-Gesellschaft uns und unseren Mitreisenden das Trostpreis-Angebot. Wenn wir wollen, können wir auf den Wal pfeifen und einen Sightseeing-Törn die Küste entlang machen. Geknickte Stimmung. Aber nur fünf Minuten. Dann ruft jemand durch den Raum. Kommando zurück - der Pilot eines kleinen Flugzeugs hat einen Pottwal geortet. Los geht´s! 

Die ganze Unternehmung macht auf mich einen professionellen Eindruck. Die Leute wirken geschult. Ich rechne mir gute Chancen aus, dass die erfahrenen Kapitäne den Aktions-Radius und die Bewegungs-Muster von Pottwalen kennen. Am Boot sollte es nicht scheitern. Wir entern einen topmodernen Hochleistungs-Katamaran mit Power satt. Das Ding drückt sich vehement aus seinem Ankerplatz, wendet auf der Stelle, und schießt aus dem Hafenbecken. Wir machen 30 Knoten, erklärt Shannon - der gutgelaunte Neuseeländer ist für uns Touristen als Tourguide abgestellt. 30 Knoten, das klingt nach wenig, aber fühlt sich nach viel an. Der Katamaran schlägt eine Schneise in die meterhohen Wellen, so dass die Gischt der Bugwelle manchmal über das komplette Boot schlägt. "Trotzdem", erklärt Shannon, "werden wir rund eine Stunde bis zu unseren Zielgewässern unterwegs sein". Er nutzt die Zeit, und erklärt die Welt der Wale und des Wassers, wie die Tiere leben, warum sie die Küsten vor Kaikoura schätzen. Solche Dinge eben, verpackt in neuseeländische Sprüchemacherei. Wir haben eine gute Zeit. 

Nach etwa einer Stunde finden
wir einen Pottwal. Bei der Ortung
arbeiten Schwesterschiffe
und der Pilot eines Sightseeing-
Flugzeugs zusammen. 1A-Teamwork! 
Eine Stunde später stoppt das Boot. Fühlt sich wie ein Vollbremsung an. Dass etwas so Großes, auf dem Wasser treibendes, derart plötzlich sein Bewegungsmoment verändern kann? Hätte ich niemals erwartet. Ich beginne zu verstehen, warum wir unsere vier Buchstaben während der Fahrt auf den Sitzplätzen halten sollten. Ich schlendere heckwärts, genieße vom Außendeck aus den Blick auf die ferne Küste, die alpinen Gipfel dahinter, und auf das weite Meer in der anderen Blickrichtung. Ein paar Meter weiter ist Jamie zugange. Unsere Frau Kapitän. Sie hält einen Stab ins Wasser, stülpt sich Kopfhörer über die Ohren. Sie benutzt eine Art Wasser-Mikrofon, erklärt Cameron, einer der Matrosen. Damit kann Jamie Druckveränderungen erfassen und mit etwas Glück den Wal orten. 
Wir treiben eine Weile so dahin, nichts tut sich. Plötzlich schiebt Cameron uns Passagiere in Richtung Kabine. "Alle sofort auf die Plätze, wir starten". Mit einem Ruck hebt sich das Boot, und beschleunigt als gehe es von null auf 100 in unter vier Sekunden. Heftig. Die Fahrt dauert nur kurz. Wir stoppen, Jamie horcht, wir Passagiere schauen Albatrossen und Möwen hinterher… die Prozedur wiederholt sich noch einige Male. Ich gebe fast die Hoffnung auf. Moby Dick bleibt ein Phantom.
Nach rund zehn Minuten an der Wasseroberfläche
krümmt der Pottwal seinen Rücken, taucht ab und
kehrt erst rund 40 Minuten später wieder zurück.
Wer Wale finden will, muss geduldig sein. 

Aber Jamie wurde uns bei Fahrtbeginn als die erfolgreichste Wal-Finderin der Reederei vorgestellt. Sie hält mit ihrem Ruf Schritt. Von einem Ausguck aus ruft ein Matrose, er hätte eine Fontäne gesehen. Ein deutliches Merkmal eines Wals, der an der Wasseroberfläche treibt und "ausbläst", sprich die Atemluft ausstößt. Er tut das in überraschender Nähe zu unserem Boot, vielleicht zweihundert Meter entfernt. Jamie lässt die Motoren kurz anlaufen, lenkt das Schiff in Richtung Wal, lässt es danach in seine Richtung treiben. 

Vom Oberdeck aus haben Doreen und ich einen hervorragenden Blick. Wir sehen die Flanken eines Tieres, dessen Konturen sich gelegentlich aus den Fluten schälen. Graue Farbe, glatte Haut. Ein Pottwal, an die 18 Meter lang, schätzt Shannon. Teile des Schädels und der Schwanzflosse sind gelegentlich erkennbar. Hin und wieder eine Wasserfontäne, ein leichtes rekeln und zittern der Körpers, die Andeutung eines Auges. Wirklich zu sehen ist wenig. Aber das macht mir gar nichts aus. Meine Fantasie vervollständigt das Bild. Meine Kamera kann das leider nicht. Die Fotos fangen die Magie der Szene nicht annähernd ein. Auch nicht das Video. Ich schneid´s trotzdem demnächst in ein "Neuseelands schönste Szenen" rein, dann kann sich ja jeder selbst ein Bild machen. So oder so, für mich war die Walschau ein einmaliges Erlebnis. Und es sollte nicht das letzte Megatier sein, das ich in Neuseeland sehe. Ich sage nur: Riesenkrake. Aber das ist eine andere Geschichte… 

Mehr darüber dann demnächt wal... äh, mal. 
Richard 




Kommentare:

  1. Hallo ihr beiden, das ist ja wieder spannend gewesen: ...kommt er nun oder kommt er nicht, der Wal?
    Grandios auch die Bilder dazu,... nur schade, dass die spannenden Blogs bald ausbleiben (müssen)

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  2. Dem schliess ich mich jetzt einfach an. Es ist jedesmals wieder spannend und interessant was ihr so alles erlebt habt. Und wir können mit den Blogs daran teilhaben. Freu mich schon wenn ich bzw. wir das alles von Euch selbst erzählt und mit hoffentlich noch mehr Bildermaterial.

    Bis bald.

    Jutta mit Anhang.

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