Dienstag, 22. März 2011

Hügel der sieben Farben, Teil 1


Some cactus seem to grow taller 
than the ones in the gardencenter. 
This one measures 12 metres. 
(English captions this time due to
 popular demand, deutsche Übersetzung
 auf Anfrage ;-)

Geführte Touren sind nichts für mich. Das hatte ich schon vor einigen Wochen vermutet, nach der Fahrt zum Pinguinwatching in Puerto Madryn. Jetzt hat sie sich die Vermutung bestätigt. Doreen und ich wollten nämlich unser Hostel für zwei Tage hinter uns lassen, das Umland erkunden, die Menschen in Grenznähe zu Bolivien kennen lernen. Wir haben dazu bei einer der dutzenden Agenturen hier in Salta eine Rundfahrt gebucht. Schließlich hört und sieht man geradezu Sagenumwobenes. In unserem Lonely-Planet-Buch ist die Rede von Regenwäldern und  Riesenkakteen, von Wüsten aus Salz auf 3000 Metern Höhe. Derart unbekanntes Terrain auf eigene Faust erkunden? Geht, kostet aber Geld wegen des Mietwagens, und Zeit, weil man sich hundertpro viele Male verfährt. Beschilderung findet in den hiesigen Breiten nur sporadisch statt. Um unsere Nerven zu schonen, und weil´s das Budget eh nicht hergibt, bleibt die geführte Variante. 120 Euro pro Nase, für die komplette 600-Kilometer-Rundfahrt mit einer Übernachtung und rund einem Dutzend Stopps, das geht in Ordnung. 
Llamas crossed our path many times. 
Later that day we learned that 
they make up for some tasty Gulasch, too! 

Doreen touches so called 
"handmade goods". Probably 
made by machinery 
in Bolivia, as we learn later.
Und so stehen wir also um sieben Uhr in der Früh abholbereit an der Eingangstür unseres Hostels. Eine halbe Stunde später werden wir tatsächlich aufgesammelt. Erste Überraschung: Unser Reiseführer Fabricio spricht englisch. Wir hatten unsere Agentur zwar bei Buchung der Tour darum gebeten. Aber dass das wirklich klappt, wer hätte das gedacht? Prima! Alles andere macht einen etwas halbseidenen Eindruck. Fabricios Toyota-Jeep-Light ist mit ihm als Fahrer, Doreen, mir und einem weiteren Urlauberpaar aus dem Süden von Argentinien mehr als prall gefüllt. Na, irgendwie bringen wir die 600 Kilometer schon hinter uns… 
These rotten rails are still in
 use by the "Tren de las Nubes", 
the Train to the Sky which goes up
 to 4000 Meters.

Die Fahrt endet bereits nach fünf Minuten. Wir werden bei einem der hiesigen "Kioscos" abgeladen. Diese Minimärkte führen alle Notwendigkeiten des Alltags. Dazu zählen offenbar auch Kokablätter, erzählt Fabricio. Mir ist sowas aus diversen Drogenthrillern nur als Bestandteil von Kokain, und damit als illegal bekannt. Kratzt hier aber keinen Menschen. Fabricio rät uns, dass wir ein paar Blätter kaufen. Eine Tüte voll, das macht 8 Pesos, rund 1,30 Euro. Wir würden die Kokablätter später noch brauchen. Und weiter geht die Fahrt. Gleich nach Salta mündet der Asphalt in Schlamm und Dreck. Wir sind in Nebenstraßen angekommen, die über die Anden nach Bolivien und Chile führen. Es regnet nur wenig, deshalb ist die Straße passierbar. Keineswegs eine Selbstverständlichkeit, erklärt unser Guide - und zeigt mit der linken Hand auf einen, vom Fluß im Tal weggespülten Teil der Straße. Und deutet mit der rechten Hand auf einen Geröllhang, jüngst entstanden aus einem fiesen Steinschlag. "Unter den Felsen liegt noch ein LKW-Fahrer, den sie nicht mehr gefunden haben". Aha.  
  

The landscape changes every minute. 
Where was rainforest minutes ago, 
you now see sandstone and granite.  

Unser Toyota klettert und rutscht weiter. Ich habe mehr Glück als Doreen. Sie sitzt auf der Rücksitzband in der Mitte, eingezwängt zwischen mir und einem Argentinier mit rundlichem Wohlstandsbauch. Seine offensichtlich ebenfalls wohlhabende Frau sitzt vorne, auf dem Beifahrersitz. Die Enge ist nicht schön, aber sie macht die Fahrt nicht kaputt. Fabricio  redet wenig, und so starre ich aus den Seitenfenstern. Und genieße. Schlammige Pisten, etwas grauer Nebel und die leicht geschwungenen, mit Gras dicht bewachsenen Hügelrundungen um uns herum ergänzen sich zu einem Hauch von Abenteuer. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir wirklich unbewohntes Gebiet erkunden und den Regenwald entdecken. Kaum Zeichen von Zivilisation erkennbar. Nur zwischendurch schälen sich ein paar uralte Gleise, verrostete Eisenträger und graubraune Brückenteile aus den sattgrünen Hängen. Sie sind Teil des "Tren de las Nubes" - der Zug zu den Wolken. Früher mal eine wichtiges Gütertransportmittel, heute eine Touristenattraktion.  

Some Wichis still live in the Nowhereland, 
and are proud of their nature
 lifestyle without electricity. 
Danach geht es Schlag auf Schlag. Von einem Moment auf den nächsten löst sich der Nebel auf; der Wald verschwindet; Steppe dominiert; riesige Kakteen bohren sich überall aus dem Fels. Unser Toyota klettert und klettert in die Höhe, alle paar Minuten ändert sich die Landschaft vollkommen. Fels; Sand; Granit; Bäume; Wälder; Farben; Strukturen; das Aussehen der Berge, alles befindet sich im steten Wechsel. Einen Moment lang wähnst du dich im Feuchtbiotop; dann huschen Zypressen vorbei und du glaubst dich in Italien. Nur Augenblicke später findest du dich mitten in einer eindrucksvollen Schlucht wieder, wo steil aufragende Strukturen aus Sandgestein dich gedanklich in eine mutierte Variante des Grand Canyon transportieren.

Motorbikers at 4180 m above sea level.
 We met one guy from the german town
 of Hamburg, who rides from
 Buenos Aires to New York City 
with his Stelzen-BMW. Respect!
Want to save some Pesos? 
Buy your lunch in 
the streets of San Antonio. 
One Empanada-roll  
for just 25 Euro-Cent. 
Zwischendurch stoppen wir in einem Ort namens "San Antonio des los Cobres". Ein heruntergekommenes Dorf mitten im Nirgendwo. Straßen aus braunem Kies, Häuser aus losen Ziegeln, dazwischen toben ein paar Kinder der hier siedelnden Minenarbeiter. Als wir halten, stürmen vier Frauen auf unsere Auto ein. Wollen indianische Strickwaren und putzige Stofftier-Llamas gegen ein paar Pesos tauschen. Wir wollen nicht kaufen, machen aber dieselbe Erfahrung wie bisher überall in Südamerika: niemand ist deshalb böse. Wenn man den Verkäufern in die Augen schaut und ihnen ein freundliches "No gracias!" zukommen lässt, dann erntet man ein Lächeln und der Belagerungs-Zustand löst sich auf. Kein Vergleich zu den ungemütlichen Dränglern und Drückern andernorts, etwa in Ägypten. Aber da gibt es noch etwas anderes in San Antonio, was mein Interesse weckt. Mehr darüber - und auch was es mit den Kokablättern auf sich hat, und weshalb ich keine geführten Touren mag - im Blog "Hügel der sieben Farben", Teil Zwei.

Gruß aus 4080 Meter Höhe, 
Richard 


Kommentare:

  1. Wow, klingt fantastisch und faszinierend - nicht nur wegen den Kokablättern XD Aber vor allem die Bilder sind mal wieder großartig. Herrliche Landschaften. Wir alles so magisch und fremd.

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  2. Vier Buchstaben: N E I D

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  3. jeden Tag neue Eindrücke...und auch so'ne Menge ...kann man das alles denn so ohne weiteres wertschätzen und gut verarbeiten?

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. @Michael: das ist noch lange nichts. Im Blog Teil Zwei kommen die Bilder aus der Salzwüste... das sieht dann wirklich fremd aus ;-)

    @Jan: ;-)

    @Paps: Hm, das ist tatsächlich so eine Sache. Wenn du es drauf anliegst, kannst du dir hier jeden Tag irgendein Bauwerk / Naturwunder angucken. Oder sogar mehrere. Manche machen das auch. Ich weiß aber nicht, wie. Mir sind schon nach zwei Tagen die Kräfte ausgegangen. Und wir machen genau deshalb auch nicht die Vier-Tages-Tour durch die Salzwüste von Uyuni, die hier so viele unternehmen. Das wäre einfach viel zu viel an Eindrücken. Wobei die meisten Eindrücke nicht beeindruckend sind, sondern fade. Trotzdem sind sie Bestandteil so einer Tour - du als Teilnehmer machst also alles mit und musst dann für dich ausfiltern, was du gut findest und was weniger. Kann anstrengend sein. Im Schnitt hast du pro Tag / Tour eine wirklich tolle Sache; den Rest nimmst halt so mit.

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  6. Schade auf die bilder von der Salzwüste hätte ich mich gefreut. Da hab ich schon mal in einem vortrag Bilder gesehen. Das war echt einzigartig.

    Liebe Grüße Jutta

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  7. Hallo ihr Lieben,
    endlich schaffen wir es mal euch einen lieben Gruss zu hinterlassen. Eure Seite ist ja echt klasse. Wir haben eure Berichte gerne gelesen und die Fotos sind toll:)
    Die einen oder anderen Orte haben wir sogar wiedererkannt;).
    Als wir in Iguazu waren, haben wir uebrigens noch viel Zeit in der schoenen Lagune verbracht. Es ist ja wirklich traumhaft dort, vielen Dank nochmal fuer den tollen Tipp. Im Moment sind wir in Brasilien, Porto Alegre. Morgen geht es dann weiter nach Florianopolis, um dort ein bisschen Strandurlaub zu machen:)
    Euch wuenschen wir weiterhin eine tolle und spannende Reise und wir sind schon gespannt auf die naechsten Berichte.
    Liebe Gruesse von den drei deutschen Maedels aus Salta;), Patricia, Laura und Lorena

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  8. Der Kaktus iss ja mal... wahnsinn. Hättest mal sinen einzelnen Stachel fotografieren sollen :-) Der fällt dann hierzulande bestimmt unters Waffengesetz, passt dann prima zu den Kokablättern *g

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  9. @Patricia, Laura und Lorena: na, das ist ja toll, das ihr hier vorbeischaut! Schön, dass ihr die Lagune gefunden und genossen habt. Kann Euch übrigens auf einen Emailverteiler nehmen, wenn ihr wollt - dann kriegt ihr Post in den Briefkasten, sobald Doreen und ich den Blog aktualisieren. Viel Spaß noch beim strandeln in Brasilien... soll ja sehr schön sein dort!

    @Ingo: Meine Handy macht Makroaufnahmen leider nur bis zu einem gewissen Grad mit. Aber stimmt schon - mit an Bord eines Flugzeug dürfte ich so einen Stachel wohl eher nicht nehmen ;-) Übrigens sind wir dringend davor gewarnt worden, Kokablätter und/oder Kokatee mit in die USA zu bringen. Dabei kannste hier beides überall kaufen. Und darfst bis zu 1,5 Kilo davon besitzen, wenn ich das richtig mitbekommen habe...

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  10. Patricia, Laura und Lorena29. März 2011 um 22:08

    Hey Ihr Lieben,

    ja das waere schoen, wenn Ihr uns im Verteiler aufnehmt.
    Die E-mailadressen sind: lorena.robert@hotmail.de
    laura.loebbers@hotmail.de
    patricia-robert@gmx.de

    Hier in Brasilien ist es wirklich ganz schoen, doch leider haben wir im Moment schlechtes Wetter. Vielleicht wird es ja noch besser;)

    Viel Spass weiterhin und liebe Gruesse!

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  11. Vielen Dank für die lieben Grüße! Eure Emailadressen sind auf dem Verteiler... und wir schicken Euch ein bisschen Sonne nach Brasilien... bei uns in Arica ist´s nämlich ziemlich heiß momentan ;-)
    lg,
    Doreen und Richard

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