Freitag, 20. Mai 2011

Texas, vom Schwimmreifen aus betrachtet



We explored the smaller 
roads of Texas. And were
 rewarded with 
unforgettable impressions. 
Teurer Sprit hin, Umweltschutz her: Die USA werden von Benzin angetrieben. Nur mit vier Rädern (oder einer Harley) kannst du hier ernsthaft überleben. Sogar zum "Supermarkt ums Eck" sind´s hier meistens drei bis zehn Meilen. In München bewältige ich ja fast alle Wege mit dem Fahrrad, da hab ich mich in den letzten Wochen also ganz schön umstellen müssen. Aber die Fahrerei lohnt sich. Von Austin aus haben wir die letzten Tage unseren kleinen Ford-Focus-Leihwagen einige Male durch die texanische Prärie getrieben, die Landschaft erkundet. Oft hatten wir nur ein vage definiertes Ziel. Der Weg ist das… und so weiter. Auf diese Weise haben wir viele unvergessliche Eindrücke sammeln können. Einsame Landstraßen, die sich stundenlang über sanft geschwungene Hügel winden. Zehn Meilen lang nur Büsche, dann vielleicht mal die Einfahrt zu einer Ranch. Eine Tierleiche am Straßenrand, die von Geiern gefleddert werden. Eine einsame Tankstelle. Hier und da mal eine Kleinstadt.

Beautiful Fredericksburg. Lots of indications
 that this village was founded by Germans. But 
what the signpost means with the term 
"German cuisine"? No idea. 
Eine davon zwingt uns zum halten: Fredericksburg wirkt einfach zu einladend. Die Stadt hat sich viel Charme aus der Gründerzeit bewahrt. Fredericksburg wurde um 1860 herum von deutschen Aussiedlern aus dem Sand gestampft, erzählt einer der hiesigen. Das zeigt sich noch heute an allen Ecken und Enden. Die Weingüter drumherum tragen die Namen "Becker" oder "Jenschke"; in der wundervollen Mainstreet finden sich viele kleine Lokale, die "german Food" und "original Deutschbier"  anpreisen. Das schöne an Fredericksburg ist, dass das alles unaufdringlich und untouristisch, sondern eher selbstverständlich und wie von Herzen rüber kommt. Als ich mich mit einen Immbolienmakler namens Eric über die Preise der Häuser hier in der Gegend unterhalte, erzählt er, dass viele Menschen hier immer noch viele deutsche Sprachfetzen unter ihren texanischen Slang mischen.

Eric erzählt aber auch, dass viele hier immer noch sehr unter der letzten Finanzkrise leiden. Etliche Familien müssen ihre Häuser verkaufen, weil sie die Raten nicht stemmen können. Das erklärt die teils verblüffend niedrigen Hauspreise; die häufigen "Zu Verkaufen"-Schilder an Grundstücken; und einige andere Szenen, die Doreen und ich erleben. 

Now you know why this guy is 
calling himself Art… or maybe not. 
Während wir in Austin an einer roten Ampel warten, bemerke ich am Straßenrand eine Frau mit einem Pappschild und dem Aufschrieb, dass sie dankbar wäre für etwas Essen. Ein paar Kreuzungen weiter bittet ein anderer Mann per Pappschild ernsthaft um Geld für die Beerdigung seiner Mutter. Am Nachmittag sitzen wir in einem Denny´s-Restaurant bei einer Portion Fritten und plaudern mit einem Typen namens Art. Er erzählt, dass er sich seit zehn Jahren in Austin als Straßenkünstler durchschlägt. Während wir plaudern, portraitiert er uns, schenkt uns die Kohlezeichnung und lässt den Nebensatz fallen, dass er sich über eine kleine Spende freuen würde. All das sind deutliche Anzeichen dafür, dass vieles von dem stimmt, was uns ein sozial engagiertes Pärchen vor gut zwei Wochen bei einem Frühstück in Florida erzählt hat. Nämlich, dass die USA ein gesellschaftliches Problem haben. Weil sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Weil die finanziell gesunde Mittelschicht immer weiter schrumpft. Weil in den USA, und so wie ich das sehe ganz besonders in Texas, offenbar nur anerkannt wird, wer das schönere Haus und das größere Auto hat. 

You drive through nowhere, and suddenly 
find things like this: a farm full of strange art.
Viele Menschen in den USA werden offenbar vom sozialen Druck zum Geldausgeben motiviert, und überschätzen dabei ihre Reserven. Es gibt in München-Trudering einen Dealer für US-Luxusschlitten: "Geiger Cars". Selbst bei dem habe ich noch keine derart fette Ballung mächtiger Pickups und Jeeps gesehen, wie hier in Texas auf jedem beliebigen Supermarkt-Parkplatz. Dennoch verfeuern sie hier gnadenlos den Sprit, in Zeiten, wo sich in den USA der Preis für eine Gallone "Regular" binnen einen Jahres um 30 Prozent verteuert hat. Außerdem sehe ich alle paar Meilen Plakate mit Werbesprüchen nach dem Motto: "Schulden? Arbeitslos? Egal, wir finanzieren ihnen trotzdem den neuen Truck Sowieso Modell 2011 mit 345 Horsepower." Die nächste globable Finanzkrise ist nur ein Frage der Zeit, da halte ich jede Wette. 

I just like this picture. Serves
no purpose whatsoever.
Solche Erfahrungen und Eindrücke gehören während einer Weltreise dazu, überhaupt keine Frage. Aber dank Auto können Doreen und ich flüchten. Raus aus der Großstadt, für einige Tage Station machen im beschaulichen "New Braunfels" rund 30 Meilen nördlich von San Antonio. Der Trip ist ein bisschen mit der Hoffnung verknüpft, dass das Städtchen mein wieder mal aufkeimendes Heimweh lindert. Vor gut 150 Jahren von deutschen Siedlern gegründet, lebt New Braunfels heute von einem Mix aus Partyfeeling und Alte-Welt-Romantik. Keine Ahnung, was das "Wurstfest" kann, das findet nämlich erst im Herbst statt. Aber das Restaurant "Friesenhaus" empfängt uns mit dem Charme billig zusammen gestellter Ikea-Möbel, und das "Edelweiss Inn" mit dem Currymief des pakistanischen Geschäftsführers. Außerdem kommen wir blöderweise genau zur Saison-Eröffnung der hiesigen "Schlitterbahn" an. Größter Wasserrutschen-Park der USA, muss ich mehr sagen? Der Trubel hat astronomische Motelpreise zur Folge, die mir Tränen in die Augen treiben. 

Gruene: nice historic little 
village close to New Braunsfeld. 
Visit if you ever come to Texas!
Dafür macht sich New Braunfels prima als Basis für ein paar Tagesausflüge. Beispielsweise an den idyllischen Canyonlake, und in ein Nachbardorf namens "Gruene". Hier vereinigen sich der historische Ortskern und ein paar Neubauten in Holz- und Fachwerk-Bauweise zu einem sehr besuchenswerten Ziel. Doreen stößt in den Shops auf richtig hübschen Schmuck und einfallsreichen Hausdekor. Ich wiederum mag die Motorradbar voller Harley-Rocker und dem Barmann, der uns "Willkommen" heißen kann, weil seine Eltern aus Deutschland eingewandert sind. In Gruene finden wir außerdem die "Gristmill", einen Biergarten, schöner als fast alles, was ich aus München kenne. Und wir entdecken eine attraktiv angelegte Ferienhütten-Siedlung aus Holz, die sich direkt an das Ufer des kleinen "River Guadelupe" schmiegt. Die Hütten sind uns zwar momentan etwas zu teuer. Aber sollte Doreen irgendwann mal zwei romantische Wochen mit mir verbringen wollen, dann lade ich sie hierher ein. 

Toobin in the Guadelupe River.
Popular pastime in Central Texas.
Dann werden wir sicher wieder die paar Schritte runter ins Tal wandern, runter zum River Guadelupe. Da wo sich Menschen in mächtige Aufblasreifen setzen und sanft den Fluß hinunter treiben. "Toobin" eben, siehe letzter Blogeintrag. Natürlich hat meine Neugier gesiegt, und ich habe Doreen zum ausprobieren überredet. Ist eine interessante Erfahrung. Toobin ist Entspannung pur. Bäume und Häuser ziehen in geringstmöglichem Tempo an dir vorüber. Du entwickelst genug Muße, um die im Wasser liegenden Schildkröten beim Luftholen zu beobachten. Wirkt unfassbar entschleunigend. Drei Stunden haben Doreen und ich auf diese Weise die Natur und einander genossen. Und begriffen, dass es in Texas viel mehr zu entdecken gibt als Cowboys und Country-Romantik. 

Take it easy, 
Richard 

Kommentare:

  1. Howdy!

    Ach schade, dass sich meine Pick-up-Illusion nicht bewahrheitet hat ;-) Haha!
    Bin stolz auf Euch, dass Ihr den Amerikaner zeigt, dass es auch mit nem Ford Focus schön sein kann. :-)

    Toobin hört sich ja wirklich klasse an! Schöööönnnn...

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  2. da denke ich, das würde sich wohl nicht so gut machen, sollte ich wie hier üblich mein Radl neben den Pickups und sonstigen "Panzern" auf dem Supermarkt-Parkplatz platzieren

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  3. @paps: ja, das wäre sicher ein lustiger Anblick. Tja, also das mit dem Radfahren scheint mir von Stadt zu Stadt verschieden zu sein. In Austin zum Beispiel fahren etliche mit dem Rad; ist ja schließlich Armstrongs Geburtsstadt. Die kleineren Landstraßen zwischen Austin und San Antonio sehen traumhaft aus zum Radfahren. In Arlington dagegen fährt kein Schwein. Kommt ganz auf die Gegend an...

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