Dienstag, 19. April 2011

Auf Wiedersehen Südamerika!


Letzter Blick auf die großartige Natur in den Anden: Im
20-Stunden-Marathon bringt uns der Bus von Cusco nach
Lima. Unsere Endstation in Südamerika. 

Abschiedsgedanken mischen sich mit Vorfreude. Doreen und ich, wir haben drei Tage in der peruanischen Sieben-Millionen-Menschen-Metropole Lima verbracht. Letzte Station unseres Südamerika-Trips. Danach: American-Airlines-Flug AA2110, Lima nach Miami. Südamerika war über drei Monate lang unsere Heimat. Was haben wir in der Zeit alles erlebt! Am 4. Januar 2011 hat uns der Flieger in Santiago de Chile ausgespuckt; ohne dass wir uns groß auf das hätten vorbereiten können, was da kommen sollte. Uns ist am Ende einfach die Zeit ausgegangen, wir waren in den letzten Wochen vor unserer Abreise zu beschäftigt mit dem Abbruch unserer Zelte in Deutschland. Ich hatte in meinen Kopf gar keine ernstzunehmende Vorstellung von dem, was uns erwarten würde. Klar, der Name der chilenischen Hauptstadt - Santiago - war mir ein Begriff. Ich ahnte, dass man in Buenos Aires Tango tanzt, und dass Peru ein bitterarmes Land wäre. Aber viel mehr als dieses Schubladendenken war in meinem Kopf nicht vorhanden. Ich dachte, dass es in Südamerika ärmer zugehen, dass es dreckiger, und - ja, auch gefährlicher sein würde als in Deutschland. Ich hatte einen Mordsrespekt. Heute weiß ich, wie verkehrt meine Vorstellungen waren. 


Egal wo du bist in Südamerika:
Du hast immer freundliche Menschen
um dich. 

Wir haben in Chile, Argentinien, Paraguay und Peru extrem viel Offenheit, Interesse und Freundlichkeit erfahren. Wir sind häufig überrascht, manchmal enttäuscht und ein paar Mal genervt worden. Wir werden etliches vermissen, sind aber auch dankbar, dass einiges hinter uns liegt. Wie hat Doreen neulich zu mir gesagt? "Die schönen und die schrecklichen Seiten von Südamerika, und was anders ist als bei uns zuhause; das wäre doch mal ein interessanter Blog". Jup, find ich auch. Es gibt so vieles, über dass sich zu schreiben lohnt. Zum Beispiel die Sprachbarriere. Während meiner beruflichen Auslands-Trips bin ich bisher mit Englisch immer gut durchgekommen. Ich dachte noch beim Anflug auf Santiago, dass das auch diesmal so sein würde. Aber nichts da. In Südamerika rennst du mit Deutsch oder Englisch oft gegen eine Mauer aus Unverständnis. Die meisten Chilenen, Argentinier, Paraguyaner und Peruaner sprechen Spanisch, vielleicht noch einen Ureinwohner-Dialekt, Quetchua etwa. Aber sonst? Kaum einer kann Englisch, auch die Jüngeren nicht. Klar, mit Händen, Füßen und willigen Gesprächspartnern sind wir am Ende immer klar gekommen. Trotzdem, seltsam eigentlich, wo doch jeder zweite TV- und Kinofilm unsynchronisiert im englischsprachigen Original läuft. Ändert nichts daran: Willst du einkaufen, was zu essen haben, nach dem Weg fragen oder dich unterhalten, egal: Der Alltag zwingt dich zu ein paar Brocken Spanisch. Gell, Doreen?

Und wehe wenn es regnet: Dann ist
die Kanalisation, sofern vorhanden,
fast überall total überfordert. 
Extremer Nervfaktor, vor
allem in Argentinien: ständiger Lärm,
z. B. aus Autos ohne Auspuff.  
Liebster Richard, deswegen habe ich ja einen Wochenkurs Spanisch gemacht. Was ich wiederum genossen habe, ist die große gegenseitige Rücksichtnahme. Du wirst hier auf der Straße oft angelächelt, und nur ganz selten angerempelt oder weggerempelt, höchstens vielleicht in den Großstädten. Wenn jemand dir nahe kommt, kündigt er das mit einem höflichen und irgendwie ehrlich gemeinten "Permisso" an. Im Vergleich dazu leben in München fast nur Rüpel und Flegel. Was mir auch gut gefällt, ist der gesellige Umgang miteinander. Zum Beispiel damals, in unserem Hostel in Villa la Angostura, wo mir ein freundlicher Argentinier ein seltsames dampfendes Gefäß zum probieren hingehalten hat. Mein erster Kontakt mit echtem argentinischen Mate-Tee. Okay, der Mann, seine Frau und deren Sohn hatten schon aus demselben Strohhalm genippt. Aber so ist das halt hier. Mate, das trinken und teilen hier alle. Jede Familie hat so ein Gefäss voller Kräuter dabei, plus eine Thermoskanne mit heißem Wasser zum nachgießen. Dient der Entspannung, ist ein Zeichen für gemeinsames Abhängen. Und weißt du, was ich schön finde? Dass die Menschen hier so viel Zeit miteinander verbringen. Sie verknüpfen Leben und Arbeit miteinander. Sie kochen miteinander, essen gemeinsam, sitzen zusammen… 

Toiletten in Südamerika:
ein Graus in Chile und
Argentinien. Dafür top
ausgerechnet in Peru. 
Schon, hübsche Doreen. Allerdings scheinen mir in den Küchen von Chile und Argentinien alle für´s kochen zuständig zu sein, und kaum jemand für´s saubermachen. Von Paraguay will ich gar nicht erst anfangen. Wie oft waren in unseren Hostels Spüllappen unbenutzbar dreckig und Teller fleckig, und in Lokalen Gläser milchig? Eklig. Hätte nie gedacht, dass ich mich daran gewöhnen könnte. Aber ich konnte. Und wurde trotzdem immer wieder geschockt, zum Beispiel von den Müllbergen in Buenos Aires. Peru allerdings hat mich in dieser Hinsicht überrascht. Ist ja angeblich eines der ärmeren Länder in Südamerika. Aber von Tacna bis Lima pflegen die Peruaner das, was sie haben. Selbst in den echt armen Vierteln fegen die Mütterchen jeden Morgen den Bordstein vor ihrem Haus. Dass Peruaner öfter duschen als ich… ist mir fast peinlich, das zuzugeben. Da fällt mir noch so eine Hygienesache ein: ich mache bestimmt nie wieder den Fehler, in Südamerika mehr als ein Blatt Toilettenpapier durch das Becken zu spülen. Wer hätte gedacht, dass das hier so viele Sanitäranlagen nicht verkraften und sofort verstopfen? Peinlich, die Putzfrau um Reinigung bitten zu müssen. Naja, seitdem werfe ich das benutzte Papier in den Mülleimer, so wie es die Einheimischen tun. 
Auch das ist Südamerika: In zwei
Wochen in Buenos Aires macht keiner
der Hostelangestellten den
Kühlschrank sauber.

Mach das, Richard. Weil du übrigens die Hygiene ansprichst: kann mich noch gut erinnern, als wir eine Tube Duschbad für dich kaufen wollten und erstmal nirgendwo was gefunden haben. Wer ahnt denn, dass sich Südamerikaner lieber klassisch einseifen? Na, und wo kaufen sie die Seife ein? In den vielen Tante-Emma-Mercados und -Kioscos, die es hier noch an jeder Ecke gibt. Da drin steht dann Mütterchen hinter der Theke, gerne auch mit der Familie. Und was immer du möchtest, sie zaubert es mit magische Mitteln herbei. In Valparaiso zum Beispiel mal eine einzelne Tablette gegen meine Magenschmerzen. Klasse. Dass es Supermärkte nur in den Großstädten gibt, finde ich okay. Du kriegst bei "Todo" und Co. dasselbe wie bei uns. Obst, Käse, Fleisch, Gekühltes, den ganzen Kram. Unterschiede sehe ich eher im Detail. Statt Nutella naschen Südamerikaner Dulce de Leche, diesen pappsüßen Brotaufstrich, wie nussiger Sirup. Widerlich. Dass ich hier kein exotisches Obst finden konnte, ist schade. Dafür gibt´s Kekse und Süßes ohne Ende. Selbst dein Kaffee ist standardmäßig gesüßt. Und dein "Yoghurt naturale" gezuckert. 

Okay, Doreen rümpft die Nase.
Aber diese Nudeln haben wir
selbst gekocht. Grundsätzlich ist
Essen lecker in Südamerika.
Hätten wir in Südamerika nicht
erwartet: Wer sucht, findet knackige
Semmeln und gschmeidigen
Kuchen. 
Allerdings, Doreen. Ist gar nicht leicht, in Südamerika sein Gewicht zu halten. Okay, die labbrigen Sandwiches con Jamon y Queso (Schinken und Käse) hab ich am Ende wirklich nicht mehr riechen können. Aber sonst finde ich das Essen hier reizvoll. Lokale gibt´s in allen Preislagen. Ich hab´ in Buenos Aires für 20 Euro das beste Steak meines Lebens genossen; in Salta für 5 Euro tolle einheimische Küche probiert; und am Markt in Cusco für 25 Cent eine extradicke Portion Pommes bekommen. Südamerika kann verflixt teuer sein, oder unfassbar billig. Je nachdem, in welchem Umfeld man sich bewegt. Genauso groß sind die Unterschiede zwischen den Gesellschafts-Schichten. Viel größer als bei uns in Deutschland. Haben wir ja sogar noch bei unserer Reise von Cusco nach Lima gemerkt, auf dem Weg durch die Anden. Wir fahren im Luxus-Reisebus durch mittelalterliche Dörfer, wo Bauern ihre Maultiere über Straßen aus Erde und Schlamm treiben, vorbei an Internet-Cafés. Und schlendern ein paar Stunden später in Lima durch dieses unglaubliche  Einkaufszentrum "Larcomar" an der Steilküste. Wo du stundenlang glitzernden Funkelkram und teure Alpaca-Pullis shoppen, und dich zwischen den Geschäften vom wundervollen Ausblick auf den Pazifik bezaubern lassen kannst. Währenddessen werfe ich in zwei top ausgestatteten Spielhallen meine letzten Sol in brandneue Videospiel-Automaten von Sega, Namco, Nintendo (!) und Electronic Arts (!!), von denen ich in Europa noch nie gehört habe. Genieße im Café meinen Cortado, und lade mir neue Musik auf meinen iPod. Weil´s nämlich in Südamerika so ziemlich überall kostenloses WLAN-Internet gibt. Hätte ich nie gedacht, dass Deutschland da so weit hinterher hinkt. Mir gefällt sogar das Fernsehen hier. Fast jedes Hostel bietet mir ein umwerfendes TV-Programm mit 100 Kanälen und mehr, kaum Werbung, dafür viel Spartenprogramme. Meine Güte, es gibt hier eine Variante des Discovery Channel nur mit Auto-Themen - ein Traum für einen Benzinkopf wie mich!


Ampelgags in Lima: Restzeit-
Anzeige und hetzendes
Ampelmännchen. 
Überraschendes Lima: vielfältige
Stadt, teils arm, teils sehr modern.
Hier ein Skatepark mit Typen, die
 echt was draufhaben. 
Du und deine Autos, Richard. Ich finde ja eher die vielen hübschen VW Käfer auf der Straße toll. Und diese lustigen Ampeln in Peru. Wo mir rote Sekundenziffern zeigen, wie lange ich noch warten muss. Und wenn das grüne Ampelmännchen zu rennen beginnt, sobald die Zeit langsam knapp wird, dann finde ich das einfach lustig. Klar, sowas braucht kein Mensch. Aber das ist eben Südamerika. Voller entdeckenswerter Kleinigkeiten. Ich möchte unbedingt irgendwann hierher zurück kommen, und all die Dinge besser kennen lernen, für die während unserer bisherigen Reise keine oder zu wenig Zeit geblieben ist. Vor allem das Landleben. Kommst du mit, Richard?

Auf jeden Fall. Ich mag die zugängliche und höfliche Art der Menschen. Den großen Stolz auf die eigene Kultur. Die Natur und das Bodenständige. Trotzdem, nach drei Monaten ist´s erstmal gut. Jetzt freue ich mich auf Burger und Achterbahnen, Cowboys und Shuttlestart.   

Ab sofort auf US-Tournee, 
Doreen und Richard







Kommentare:

  1. Da hört man doch ein wenig Wehmut. oder täsuch ich mich.

    Liebe Grüße Jutta

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  2. ...immer wieder Neues und Spannendes, diesmal in Form von Dialogen, einfach großartig...
    und hoffentlich ebenso viel Interessantes aus USA, was man in der Regel nicht aus Büchern oder Magazinen erfährt. Alles Gute dabei!

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  3. Na dann wünsche ich Dir, Richie, mal einen wunderschönen Geburtstag in Miami. Viel Spaß weiterhin auf Eurer Reise und schreibt bitte fleissig weiter. :-)

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  4. Ja, auch von mir schreibt bitte weiter, das Blog ist super spannend und interessant zumal gibt es tolle Bilder aus der Ferne.

    PS: Die Toilette (Foto) gefällt mir bis jetzt am besten. LG John

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